Fidelma erschauerte. »Wir hörten auf dem Weg ein Gerücht, daß schon gegen ihn verhandelt worden sei. Nach dem Einspruch meines Bruders hätte man doch sicher mit dem Verfahren bis zu meiner Ankunft warten können?«

»Selbst ein König kann ein Gerichtsverfahren nicht unbegrenzt verschieben. Das Gerücht, das du gehört hast, stimmt: Er ist bereits schuldig gesprochen und verurteilt. Es ist alles vorbei. Nun braucht er deine Verteidigung nicht mehr.«

Kapitel 3

Fidelmas Gesicht war kreidebleich, in ihm spiegelte sich die furchtbare Angst, die sie erfüllte. Es war, als wäre alles Blut aus ihrem Körper gewichen.

»Alles vorbei? Heißt das ...?« Sie schluckte und konnte kaum die Frage formulieren, die ihr Denken beherrschte.

»Der Angelsachse wird morgen mittag hingerichtet«, sagte Fianamail gleichgültig.

Eine Welle der Erleichterung durchlief Fidelma. »Dann ist er also noch nicht tot?« Die Worte kamen wie ein schaudernder Seufzer. Für den Augenblick getröstet, schloß sie die Augen.

Der junge König schien ihre Gefühle nicht wahrzunehmen. Er stieß mit dem Fuß ein Scheit zurück, das aus dem Kamin gefallen war.

»Er ist so gut wie tot. Die Angelegenheit ist abgeschlossen. Du hast die lange Reise umsonst gemacht.«

Fidelma beugte sich vor und schaute Fianamail fest ins Gesicht.

»Ich betrachte die Angelegenheit noch nicht als abgeschlossen. Auf der Reise hierher habe ich eine Geschichte gehört. Es ist eine Geschichte, die ich vom König von Laigin nicht glauben kann. Man hat mir gesagt, du hättest das einheimische Recht abgeschafft und angeordnet, daß die Strafen nach den neuen Bußgesetzen von Rom verhängt werden sollten. Stimmt es, daß du so etwas verfügt hast?«

Fianamail lächelte immer noch, doch ohne Wärme.

»Als Strafe wurde die Hinrichtung bestimmt, Fidelma von Cashel. Das ist so entschieden worden. Darin habe ich mich von meinem geistlichen Berater und von meinem Brehon leiten lassen. Laigin wird bei der Befreiung von unseren alten heidnischen Bräuchen vorangehen. Christliche Strafen sollen die Verbrechen in diesem Lande sühnen. Ich will beweisen, wie christlich mein Königreich Laigin geworden ist. Es bleibt beim Todesurteil.«



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