Fianamail versuchte zu überlegen, wie er sich am besten verhalten sollte. Er hob die Hände in einer hilflosen Geste und ließ sie wieder sinken.

»Was verlangst du eigentlich?« fragte er nach kurzem Zögern. »Heißt das, daß du Immunität für den Angelsachsen beanspruchst? Darauf will und werde ich nicht eingehen. Dazu war sein Verbrechen zu gräßlich. Was willst du?«

»Letzten Endes möchte ich dich bitten, zu den Gesetzen unseres Landes zurückzukehren«, erwiderte Fidelma. »Die fremden Bußgesetze entsprechen nicht unserem Denken. Aus Rache töten ist nicht unser Recht .«

Fianamail hob die Hand und unterbrach ihre Rede.

»Ich habe dem Abt Noe, meinem geistlichen Berater, und Bischof Forbassach, meinem Brehon, mein Wort gegeben, daß die vom Glauben vorgesehenen Strafen verhängt werden - Leben um Leben. Bringe deine Gründe für eine Berufung im Fall des Angelsachsen vor, aber gib dir keine Mühe, mich zur Änderung meines Erlasses über das Gesetz zu bewegen.«

Fidelma fühlte ihren Puls schneller schlagen, als sie merkte, daß seine Entschlossenheit bröckelte.

»Ich ersuche dich darum, die Hinrichtung zu verschieben, damit die Einzelheiten des Falles untersucht werden können, um sicherzugehen, daß dem Gesetz Genüge getan worden ist.«

»Ich kann das Urteil meines Brehons nicht umstoßen; das steht sowieso nicht in der Macht des Königs.«

»Gib mir Zeit, damit ich das Verbrechen, dessen ihr Eadulf für schuldig haltet, untersuchen kann und die Tatsachen prüfen auf der Basis der Vermutung, daß er unter dem Schutz eines fer taistil gehandelt hat, eines königlichen Beauftragten mit Immunität. Gib mir die Vollmacht, eine solche Untersuchung durchzuführen.«

Sie benutzte den juristischen Ausdruck fer taistil, der wörtlich »Reisender« bedeutete, der aber speziell einen Abgesandten zwischen zwei Königen bezeichnete.



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