
»Sie ist erst kürzlich nach mehreren Jahren, in denen sie Dienst in Rom tat, in unser Königreich zurückgekehrt.«
»Und sie tritt also für die römischen Bußgesetze gegen die Weisheitsschriften ihres eigenen Landes ein?«
Fianamail neigte bejahend den Kopf.
»Ich verstehe«, sagte Fidelma. »Du erwähntest, daß Bruder Eadulf beschuldigt wird, den Tod einer Novizin in der Abtei verursacht zu haben. Wen genau soll er denn getötet haben?«
Fianamail sah sie mit gespieltem Vorwurf an. »Bei jemandem, der in gestrecktem Galopp von Cashel herreitet und die Unschuld des Angelsachsen beweisen will, hätte ich gedacht, er wüßte, wessen er angeklagt ist«, spottete er.
»Des Mordes natürlich. Aber wen soll er denn ermordet haben?«
Fianamail heuchelte Mitleid. »Ich fürchte, Fidelma von Cashel, du hast dich mit dem Herzen in diesen Auftrag gestürzt und nicht mit dem Kopf.«
Fidelma errötete heftig. »Ich möchte, daß der Gerechtigkeit Genüge getan wird«, erklärte sie steif. »Wen also soll er getötet haben?« fragte sie erneut.
»Dein angelsächsischer Freund vergewaltigte ein junges Mädchen und erdrosselte es dann«, sagte der König ausdruckslos und beobachtete ihr Gesicht dabei. »Sie war Novizin in der Abtei ... und sie war erst zwölf Jahre alt.«
Auch nachdem sie aus dem Zimmer des Königs geleitet worden war, fühlte sich Fidelma wie betäubt. Von allen denkbaren Verbrechen war die Vorstellung, Eadulf sollte ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt und dann ermordet haben, die abscheulichste. Wie konnte man Eadulf dessen schuldig befinden? Der Natur des Mannes, den sie kannte, war so etwas völlig fremd.
Im Hof der Burg wartete Fidelma, bis keine Krieger von Laigin mehr in Hörweite waren, und wandte sich dann an Dego, Aidan und Enda.
»Einer von euch muß nach Tara reiten und den Oberrichter Barran aufsuchen«, sagte sie leise. »Es wird ein gefährlicher Ritt durch das feindliche Gebiet von Laigin, aber es muß schnell geschehen.«
