Wie durch ein Wunder hatte sich dank Dana alles verändert. Sie hatte ihn gefunden, als er sich auf den Straßen von Sarajevo herumgetrieben hatte. Nachdem Kemal vom Roten Kreuz ausgeflogen und zu dem Waisenhaus gebracht worden war, hatte er Dana einen Brief geschrieben. Und zu seiner Überraschung hatte sie nach einer Weile im Waisenhaus angerufen und gesagt, sie wolle Kemal nach Amerika mitnehmen und bei sich behalten. Kemal war in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen wie in diesem Augenblick. Ein Traum war für ihn in Erfüllung gegangen, ja sein neues Dasein übertraf noch seine kühnsten Vorstellungen.

Kemals Leben hatte sich von Grund auf verändert. Jetzt war er dankbar dafür, dass ihn vorher niemand ausgewählt hatte. Er war nicht mehr allein, er hatte jemanden, der sich um ihn kümmerte. Er liebte Dana von ganzem Herzen, doch ständig trieb ihn auch die schreckliche Angst um, die Ricky Underwood geweckt hatte - dass Dana ihre Meinung ändern und ihn ins Waisenhaus zurückschicken könnte, in die Hölle, der er entronnen war. Ein ums andere Mal plagte ihn der gleiche Traum: Er war wieder im Waisenhaus, und es war Freitag. Die Kinder wurden von den Erwachsenen gemustert, und Dana war auch dabei. Sie betrachtete Kemal und sagte: Der hässliche kleine Junge da hat nur einen Arm. Dann ging sie weiter und nahm den Jungen neben ihm mit. Mit tränen-überströmtem Gesicht wachte Kemal hinterher immer auf.

Kemal wusste, dass Dana es nicht ausstehen konnte, wenn er sich in der Schule mit anderen Kindern anlegte, daher bemühte er sich darum, jedem Streit aus dem Weg zu gehen. Doch er konnte nicht zulassen, dass Ricky Underwood oder seine Freunde Dana beleidigten. Sobald ihnen das klar geworden war, wurden die Beleidigungen nur noch schlimmer - und damit auch die Auseinandersetzungen.

»Hey, Stöpsel, hast du deinen Koffer schon gepackt?«, empfing ihn Ricky zum Beispiel. »Ich habe heute Morgen in den Nachrichten gehört, dass dich deine böse Stiefmutter nach Jugoslawien zurückschicken will.«



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