
»Zobisti!«, brüllte Kemal daraufhin.
Und schon prügelten sie sich miteinander. Jedes Mal kam Kemal zerschrammt und mit blauem Auge heim, aber wenn Dana ihn fragte, was vorgefallen sei, brachte er es einfach nicht fertig, ihr die Wahrheit zu sagen. Denn er hatte Angst davor, dass genau das eintreten könnte, was Ricky Underwood gesagt hatte, wenn er es ihr erzählte.
Nun, da Kemal im Büro des Rektors saß und auf Dana wartete, dachte er: Wenn sie erfährt, was ich diesmal angestellt habe, schickt sie mich bestimmt fort. Wie ein Häufchen Elend saß er da, und das Herz schlug ihm im Halse.
Als Dana in Thomas Henrys Büro trat, ging der Rektor mit grimmiger Miene auf und ab. Kemal saß in der anderen Ecke auf einem Stuhl.
»Guten Morgen, Miss Evans. Nehmen Sie bitte Platz.«
Dana warf einen kurzen Blick zu Kemal und setzte sich.
Thomas Henry ergriff ein großes Schlachtermesser, das auf seinem Schreibtisch lag. »Das hat einer unserer Lehrer Kemal weggenommen.«
Dana fuhr herum und blickte Kemal wütend an. »Wieso?«, fragte sie aufgebracht. »Wieso hast du das zur Schule mitgenommen?«
Kemal blickte zu Dana auf. »Weil ich keine Knarre habe«, versetzte er mürrisch.
»Kemal!«
Dana wandte sich an den Rektor. »Kann ich Sie unter vier Augen sprechen, Mr. Henry?«
»Ja.« Mit verkniffener Miene blickte er zu Kemal. »Warte draußen auf dem Gang.«
Kemal stand auf, warf noch einen Blick auf das Messer und ging.
»Mr. Henry«, setzte Dana an, »Kemal ist zwölf Jahre alt. Und den Großteil seines Lebens hat er beim Einschlafen nichts anderes gehört als das Krachen explodierender Bomben, jener Bomben, die seine Mutter, seinen Vater und seine Schwester töteten. Der Bomben, die ihm den Arm abrissen. Als ich Kemal in Sarajevo gefunden habe, lebte er in einem Pappkarton auf einem verwilderten Grundstück. Hunderte anderer obdachloser Jungen und Mädchen hausten dort buchstäblich wie die Tiere.« Sie hatte wieder alles vor Augen, bemühte sich aber darum, so ruhig wie möglich weiterzusprechen.
