Nach einem Stillschweigen, das in der Tat wohl lange dauerte, aber Rochefort ein Jahrhundert dünkte, nahm Mazarin aus einem Aktenbündel einen offenen Brief hervor, zeigte ihn dem Edelmanne und sprach: »Ich fand da einen Brief, worin Ihr um Eure Freilassung ansucht, Herr von Rochefort! Ihr seid also im Gefängnisse?«

Bei dieser Frage bebte Rochefort und sagte: »Ich dachte aber, Ew. Eminenz wüßte das besser als irgend jemand.«

»Ich? ganz und gar nicht. Aus der Zeit des Herrn von Richelieu gibt es in der Bastille noch eine Menge Gefangene, deren Namen ich nicht einmal weiß.«

»O gnädigster Herr! mit mir verhält es sich anders. Sie kannten den meinigen, da ich auf Befehl Ew. Eminenz aus dem Chatelet nach der Bastille gebracht worden bin.«

»Das glaubt Ihr?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Ich glaube mich wirklich daran zu erinnern. Habt Ihr Euch nicht einmal geweigert, für die Königin eine Reise nach Brüssel zu unternehmen!«

»Ach, ach!« rief Rochefort, »das ist also die wahre Ursache, nach der ich fünf Jahre lang forschte? Ich Dummkopf, daß ich sie nicht fand.«

»Aber ich sagte ja nicht, daß das die Ursache Eurer Verhaftung war, verstehen wir uns wohl; ich tat diese Frage an Euch, weiter nichts. Habt Ihr Euch nicht geweigert, für die Königin nach Brüssel zu reisen, während Ihr doch bereitwillig waret, im Dienste des seligen Kardinals dahin zu gehen?«

»Eben weil ich im Dienste des seligen Kardinals dahin gereist bin, konnte ich nicht auf Befehl der Königin abermals dahin gehen. Ich bin in Brüssel zu einer schreckenvollen Zeit gewesen, nämlich zur Zeit der Verschwörung von Chalais. Ich befand mich dort, um den Briefwechsel von Chalais aufzufangen, und als man mich erkannte, wäre ich damals schon fast ermordet worden. Wie hätte ich also dahin zurückkehren sollen? Ich hätte der Königin nur geschadet, anstatt ihr zu dienen.«



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