
»Nein.«
»Trinken Sie es auf einmal.«
Die Frau nickte und trank das Glas aus. Ravic betrachtete sie.
Sie hatte ein ausgelöschtes Gesicht, fahl, fast ohne Ausdruck. Der Mund war voll, aber blaß, die Konturen schienen verwischt, und nur das Haar war sehr schön, von einem leuchtenden, natürlichen Blond. Sie trug eine Baskenmütze und unter dem Regenmantel ein blaues Schneiderkostüm. Das Kostüm war von einem guten Schneider gemacht, aber der grüne Stein des Ringes auf ihrer Hand war viel zu groß, um nicht falsch zu sein.
»Wollen Sie noch einen?« fragte Ravic.
Sie nickte.
Er winkte dem Kellner. »Noch zwei Calvados. Aber größere Gläser.«
»Größere Gläser? Auch mehr drin?«
»Ja.«
»Also zwei doppelte Calvados.«
»Erraten.«
Ravic beschloß, sein Glas rasch auszutrinken und dann aufzubrechen. Er langweilte sich und war sehr müde. Im allgemeinen war er geduldig mit Zwischenfällen; er hatte vierzig Jahre eines wechselvollen Lebens hinter sich. Aber er kannte Situationen wie diese hier schon zu sehr. Er lebte seit einigen Jahren in Paris und konnte nachts wenig schlafen; da sah man vieles unterwegs.
Der Kellner brachte die Gläser. Ravic nahm den scharf und aromatisch riechenden Apfelschnaps und stellte ihn behutsam vor die Frau. »Trinken Sie das noch. Es hilft nicht viel, aber es wärmt. Und was Sie auch haben — nehmen Sie es nicht zu wichtig. Es gibt wenig, das lange wichtig bleibt.«
Die Frau sah ihn an. Sie trank nicht.
»Es ist so«, sagte Ravic. »Besonders nachts. Die Nacht übertreibt.«
Die Frau sah ihn noch immer an. »Sie brauchen mich nicht zu trösten«, sagte sie dann.
»Um so besser.«
Ravic sah nach dem Kellner. Er hatte genug. Er kannte diesen Typ. Wahrscheinlich eine Russin, dachte er. Kaum saßen sie irgendwo, noch naß, da begannen sie schon, einem über den Mund zu fahren.
