Das Innere des Zeltes war mit bunt gemusterten Teppichen ausgelegt. Öllampen aus filigran gearbeitetem Zinn hingen von der Decke herab, und überall lagen bestickte Kissen herum. Im hinteren Teil des Zeltes stand ein niedriger Altar mit einem Tisch für Opfergaben, der von einer heroischen Statue im griechischen Stil überragt wurde. Sie stellte einen attraktiven jungen Mann mit einem Lorbeerkranz im Haar dar. Azzie erkannte das Gesicht wieder.

»Also ist Hermes hier«, stellte er fest.

»Ich bin seine Priesterin«, erklärte die alte Frau.

»Ich dachte, wir wären hier in einem christlichen Land«, sagte Azzie, »in dem die Verehrung der alten Götter strikt verboten ist.«

»Ihr habt recht«, bestätigte die Vettel. »Die alten Götter sind zwar einerseits tot, andererseits aber auch wieder nicht, weil sie in neuer Gestalt ins Leben zurückgekehrt sind. So hat sich beispielsweise Hermes in Hermes Trismegistus verwandelt, den Schutzheiligen der Alchemisten. Seine Verehrung wird zwar nicht gern gesehen, ist aber auch nicht direkt verboten.«

»Das freut mich«, sagte Azzie. »Aber warum habt Ihr mich zu Euch gerufen?«

»Ihr seid ein Dämon, Herr?« erkundigte sich das alte Weib.

»Ja. Woher wißt Ihr das?«

»Es liegt etwas Hoheitsvolles und Finsteres in Euren Zügen«, entgegnete die Vettel, »eine tief verborgene unheilvolle Ausstrahlung des Bösen, die Euch auch aus einer beliebig großen Menge hervorheben würde.«

Azzie wußte, daß Zigeunerinnen die Begabung besaßen, äußerst genau zu beobachten und ihre Erkenntnisse dann so zu formulieren, daß sie ihren Kunden schmeichelten. Trotzdem griff er in seine Tasche, zog einen Golddenar daraus hervor und gab ihn der Frau.

»Nehmt das als Lohn für Eure geschickte Zunge. Und was wollt Ihr von mir?«



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